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Ernst Ulrich von Weizsäcker über den »Club of Rome« und Anforderungen an den heutigen Umweltschutz![]() »Alle fühlen sich als Gejagte« (Berlin) – Als Anfang der 70er-Jahre der Club of Rome seine Prognosen zu Bevölkerungswachstum und Umwelt veröffentlichte, schlug das in der Bevölkerung riesige Wellen. Zukunftsangst machte sich unter den Menschen breit. An örtlichen Brennpunkten schlossen sich viel zu Bürgerinitiativen zusammen und wurden aktiv im Umweltschutz. In dieser Zeit, 1975, gründeten die Initiativen in Niedersachsen auch den LBU als ihren Dachverband. Was aber macht der Club of Rome heute? UID sprach mit Dr. Ernst Ulrich von Weizsaecker. Der SPD-Politiker ist Vorsitzender des Auschusses für Umwelt im Deutschen Bundestag – und Aktivist im »Club of Rome«. Herr von Weizsäcker, weshalb spielt der Club of Rome heute in der öffentlichen Wahrnehmung verglichen mit anderen Umweltschutzorganisationen eine eher untergeordnete Rolle? Der Club war nie eine Umweltschutzorganisation. Die riesige Publizität des Berichts »Grenzen des Wachstums« war historisch einmalig. Was macht der Club of Rome heute? Es gibt Jahrestagungenmit aktuellen Themen zwischen Politik, Wissenschaft, Umwelt und Wirtschaft. Die letzte war im Oktober 2003 in Amman, die nächste wird im kommenden Oktober in Helsinki sein. In Amman stand der Nahostkonflikt im Vordergrund. Außerdem werden Berichte und Berichtsentwürfe diskutiert, so in Amman der Entwurf für einen Bericht »Grenzen der Privatisierung«, den ich herausgebe. Wie sieht Ihr Engagement für den Club of Rome aus? Ich pflege informelle Kontakte zu Mitgliedern weltweit. Mein Buch »Faktor Vier« wurde zu einem Bericht an den Club, »Grenzen der Privatisierung« wird wohl ebenfalls einer. Der Club of Rome hat es sich als Nicht-Regierungsorganisation zum Ziel gemacht, Wissenschaftler, Wirtschaftler, Unternehmer und aktuelle sowie ehemalige Staatsoberhäupter zusammenzubringen und gemeinsam Lösungsansätze für globale Problematiken zu erarbeiten. Ernst Ulrich von Weizsäcker ist seit 1998 Mitglied des Bundestages, seit 1991 bereits Mitglied des Club of Rome. Im 1995 erschienen Buch »Faktor Vier« skizziert er mit Ko-Autoren einen Weg zu doppeltem Wohlstand und gleichzeitig halbiertem Naturverbrauch. Mit dem Bericht »Grenzen des Wachstums« hat der Club of Rome 1972 bei sehr vielen Menschen Ängste geweckt und eine starke Umweltbewe-gung mobilisiert. Wäre eine solch große Resonanz heute noch denkbar? Nein. Das damals Neue ist heute nicht mehr neu. Es kann natürlich zu neuen Themen aufregende neue Erkenntnisse geben, aber die Wahrscheinlichkeit, dass diese über den Club of Rome transportiert werden, ist gering. Wie beurteilen Sie die Prognosen aus heutiger Sicht, mehr als 30 Jahre später? Die damaligen Prognosen waren in einigen Details falsch. Zum Beispiel wurde die Reichweite von Erdgas und von Kupfer deutlich unterschätzt. Und die damals angenommene feste Kopplung zwischen Industrie und Umweltverschmutzung ist in den letzten 30 Jahren weitgehend überwunden worden. Andererseits ist die Grundaussage der »Grenzen des Wachstums« heute noch richtig. In den 70er-Jahren war der Umweltschutz mehrheitsfähig und massenkompatibel, heute hat er deutlich an Stellenwert verloren. Woran liegt das? Damals berührte die Umweltverschmutzung im Nahbereich jede Familie. Nach 30 Jahren Umweltschutz sind die Schadstofffrachten drastisch zurückgegangen. Was müsste heute passieren, um eine ähnliche Mobilisierung wie damals zu erreichen? Heute müsste man die Massen für Gefahrenabwehr im Fernbereich – tropische Käferarten, langsame Klimaveränderung – mobilisieren. Das ist schwierig, aber nicht unmöglich. Man muss Menschen einschließlich des Wirtschaftsministers die Sorge nehmen, Gefahrenabwehr sei teuer und verursache Wettbewerbsnachteile. Immer weniger Politiker, darunter auch Umweltminister, sind ausgewiesene Umweltschützer. Warum? Die Globalisierung hat den internationalen Kostenwettbewerb dramatisch verschärft. Alle fühlen sich als Gejagte. Das schwächt die Stellung des Umweltministers. Herr von Weizsäcker, wir bedanken uns für dieses Gespräch. |